Archiv für April 2011

Where the streets have no view

Mittwoch, 06. April 2011

Zahlen  - oder abschalten. So lautet die liberale Grundauffassung von Maurice Thiriet in der “unabhängigen liberalen Tageszeitung – gegründet 1850″ Bund vom 5.4.2011. Google wurde vom höchsten Verwaltungsgericht des Landes mit den Millionen Migros Cumulus-Karten, Coop Supercards und Facebook-Profilen im Namen des Datenschutzes dazu verpflichtet, auf Street View sämtliche Gesichter von Personen und Fahrzeugkennzeichen vollständig unkenntlich zu machen. In ihrem Urteilsspruch halten die Bundesverwaltungsrichter fest, dass die Anonymisierung im Bereich von sensiblen Einrichtungen sogar noch weiter zu gehen hat. Der entsprechende Teil der Berichterstattung im “Bund” hat durchaus einen gewissen Realsatirewert: “Im Bereich von sensiblen Einrichtungen, etwa bei Frauenhäusern, Gefängnissen, Schulen, Gerichten, Sozialbehörden und Spitälern muss vollständige Anonymität hergestellt werden. Dazu muss Google neben dem Gesicht auch weitere individuelle Merkmale wie Hautfarbe oder Kleidung entfernen”. Man stelle sich all die blau eingefärbten, gesichtslosen Nackten vor, die beispielsweise vor einer Schule an einer Bushaltestelle warten. Die Aufzählung der sensiblen Einrichtungen scheint unvollständig zu sein, wo sind beispielsweise Polizeistationen oder Nachtclubs geblieben. Wer sich zum Beispiel die Streetviewaufnahme der Zürcher Langstrasse 134 anschaut, wird feststellen, das 2 weisse, ältere Männer vor der St. Pauli-Bar warten. Zu ihrer Verteidigung sei angefügt, dass die Aufnahme während des Tages gemacht wurde und der Nachtclub erst ab 20 Uhr (- 4 Uhr) geöffnet hat. Zu hoffen bleibt, dass Google das Urteil ans Bundesgericht weiterzieht, auch wenn es, und hier soll noch einmal unser liberaler Leitartikler zu Wort kommen, “nicht legitim ist, wenn ein Unternehmen mit knapp 10 Milliarden Jahresgewinn sich weigert, freiwillig ein paar Millionen in die Herstellung eines rechtskonformen Zustands zu investieren”. Google könne gemäss Maurice Thiriet nur dann argumentieren, dass eine 100% Verpixelung einen unverhältnismässigen Aufwand darstelle, wenn Street View für breite Bevölkerungsschichten quasi unverzichtbar sei. So funktioniert Datenschutz in der Logik von Maurice Thiriet: Das Ausmass des Datenschutzes ist von der Anzahl Benutzer abhängig…

Nachtwaechter, 06.04.2011