Archiv für die Kategorie ‘Wirtschaft’

Die NZZ und das Quellenstudium

Dienstag, 22. März 2011

Am 28. Februar 2011 publizierte die NZZ einen Artikel zu einem neuen Buch von Dambisa Moyo. Der Bericht wurde von Bloomberg erstellt, eigentlich eine unverdächtige Quelle. Dem Nachtwaechter ist aufgefallen, dass eine weitere unverdächtige Quelle eine ausführlichere Review zum Buch publiziert hat. Am 20. Januar 2011 widmete sich der “The Economist” der Neuerscheinung. Von der NZZ wäre zu erwarten, dass sie das Werk der “Volkswirtin mit Oxford-Doktortitel” wenigstens gelesen hätte. Aber so publiziert die NZZ kritiklos einen Artikel, den der “Economist” so zusammenfasst: “HERE are two predictions about the world economy. First, the West’s malaise and the rise of emerging economies will yield a mountain of books. Second, few of these are likely to be as bad as “How the West Was Lost”. Offensichtlich hat die Frau Oxford-Doktor von gewissen Dingen keine Ahnung. Nocheinmal der “Economist”: “Worse, Ms Moyo commits some jaw-dropping factual errors. General Motors, she writes, was bought by Fiat, “an event unimaginable just a couple [of] years earlier”. Yes, and it still is: the Italian carmaker did not purchase GM, but a 20% stake in Chrysler, recently increased to 25%. France gets “almost 20% of its electricity from nuclear sources”. The OECD says the figure is close to 80%.” Der Nachtwaechter hat sich das Werk trotzdem angetan, sein Fazit: neben allen Fehlern ist es auch noch schlecht geschrieben.

Nachtwaechter, 22.03.2011

“Diebstahl kann moralisch gerechtfertigt sein”

Mittwoch, 07. Juli 2010

So etwa das Fazit aus Aussagen von Andreas Missbach, Finanzexperte der “Erklärung von Bern” in einem Interview mit der 3sat-Sendung “Schweizweit” am 26.06.2010. In der Sendung ging es unter anderem um ethisches Verhalten auf dem Schweizer Finanzplatz und die mutmasslichen deutschen Steuersünder, welche nun wegen bei CH-Banken geklauten Daten schlaflose Nächte haben. Datendiebstahl ist also gemäss Herr Missbach zu rechtfertigen im Kampf gegen Steuersünder. Und das Recht sei halt in diesem Fall nicht recht… Unglaubliches Rechtsverständnis, findet der nachtwaechter. Die Interviewerin in der besagten Sendung, Wasiliki Goutziomitros, war leider nicht willig oder nicht in der Lage, die Aussagen des Herren Doktor kritisch zu hinterfragen. Dabei gab’s gleich mehrere Steilvorlagen:
Die Aussage, dass Wachstum mit Erfolg gleichzusetzen ist (im Zusammenhang mit der Geschäftentwicklung der Alternativen Bank Schweiz), ist für einen Vertreter einer entwicklungspolitischen Organisation ja schon bemerkenswert. Oder das die CH-Banken zwischen 1000 und 2000 Milliarden ausländisches Steuerfluchgeld verwalten. Ohne jegliche Grundlage werden da Zahlen in den Raum gestellt und von der Moderatorin kritiklos akzeptiert. Die Summe der von CH-Banken verwalteten Vermögen von ausländischen Kunden belief sich 2008 auf CHF 3000 Milliarden (http://www.swissbanking.org/en/20091119-2400-factsheet_finanzplatz_schweiz_de-rva.pdf). Missbach ist immerhin so grosszügig, den Datendieben auch noch moralische Beweggründe zuzugestehen. Da die Datendiebe vom deutschen Staat mit mehreren Millionen Euro entschädigt wurden, fragt sich der nachtwaechter, ob Herr Missbach nicht einfach sehr naiv ist.

Nachtwaechter, 07.07.2010

Professorin für soziale Arbeit

Donnerstag, 24. Juni 2010

Gelesen im Beobachter 11/2010: “Solange der Bund 60 Milliarden für die Rettung einer einzigen Bank ausgibt, gibts für Bildung genügend Geld.” Gesagt von Katharina Prelicz-Huber, Nationalrätin und Professorin für soziale Arbeit.

Bei der guten Dame scheinen bezüglich wirtschaftspolitischem Know-How einiges schief gelaufen zu sein:

Das Engagement des Bundes betrug nicht 60 Milliarden, sondern 6 Milliarden. Aus der NZZ vom 21.08.2009: Peter Siegenthaler, Direktor der Eidgenössischen Finanzverwaltung, erklärte auf Anfrage, für den Steuerzahler habe sich das Risiko, das mit der Zeichnung der Pflichtwandelanleihe im Oktober 2008 eingegangen worden sei, reichlich ausgezahlt. Aus der Placierung der Titel wurden direkt 5,48 Mrd. Fr. gelöst, und weiter erhielt die Eidgenossenschaft von der UBS noch 1,8 Mrd. Fr. für geschuldete zukünftige Couponzahlungen. Grob gerechnet, erzielte der Bund auf seiner Position von 6 Mrd. Fr., die er rund acht Monate gehalten hatte, Nettoerlöse von etwas über 1,2 Mrd. Fr., was hochgerechnet auf ein Jahr die stolze Rendite von über 30% ergibt.

Die von der Nationalbank finanzierte Zweckgesellschaft für die US-Schrott-Hypotheken der UBS hatte per Ende 2009 Schulden von 24 Milliarden USD. Die 24 Milliarden USD werden der UBS aber der Nationalbank und nicht dem Bund geschuldet. Es ist natürlich zu erwarten, dass sich gerade Politiker mit der Geisteshaltung von Frau Prelicz-Huber um diesen Unterscheidung foutieren. Zu gerne hätten sie mehr Einfluss auf die unabhängige Notenbank. Wie so etwas herauskommt zeigen die Beispiele Venezuela oder aktuell auch die Euro-Zone.

Interessant ist auch der Kontext in dem die Professorin die Aussage gemacht hat: im besagten Beobachter-Artikel ging es um die Fachhochschulen, welche in den letzten Jahren Opfer ihres eigenen Erfolges geworden seien und daher, gemäss Frau Huber-Prelicz, mehr Geld benötigen. Auch dies eine bezeichnende Einstellung für die Präsidentin des VPOD, der Beamtengewerkschaft. Der sogenannte Erfolg der Fachhochschulen beruht zu einem guten Teil auf den immer largeren Aufnahmekriterien. Dass für die Aufnahme in die meisten Studiengänge an den angeblich praxisorientierten Fachhochschulen keine Berufserfahrung mehr notwendig ist, spricht Bände. Das alte linke Ideal, dass jeder eine Hochschulbildung absolvieren können soll, kommt seiner Erreichung näher. Weil die Studenten dummerweise nicht immer intelligenter werden, müssen halt die Aufnahmekriterien und damit das Niveau der Hochschulen nach unten angepasst werden. Dass es bei den dadurch stark ansteigenden Studentenzahlen auch mehr Professoren braucht, ist ein angenehmer Nebeneffekt für die Klientel des VPOD. Und da Dozenten an einer Fachhochschule im Normallfall einen Uni-Abschluss haben müssen (2008 besassen gemäss Bundesamt für Statistik nur 14% der Fachhochschuldozenten einen Fachhochschul-Hintergrund), ist auch sichergestellt, dass der viel beschworene Praxisbezug als Unterscheidungskriterium zu den Unis nicht zu kurz kommt.

Fazit: zum Glück ist die gute Frau Professorin für soziale Arbeit und nicht für Wirtschaft, sonst müsste man sich fragen, wie sie wohl zu ihrem Abschluss gekommen ist.

Nachtwaechter, 24.06.2010

Die bösen Abzocker und Spekulanten

Sonntag, 14. März 2010

Man stelle sich vor, da hat ein Staat jahrelang über seine Verhältnisse gelebt und nicht nur seine eigene Bevölkerung sondern auch die anderen Mitglieder in der gemeinsamen Währungsunion mit gefälschten Zahlen hinters Licht geführt. Und wer soll nun Schuld am ganzen Schlamassel sein? Richtig: die böseb Spekulanten. Eine krasse Fehleinschätzung und ein Negieren volkswirtschaftlicher Fakten. Griechenland hat über Jahre weit mehr Schulden gemacht, als gesund ist, darauf haben die Märkte reagiert, die Zinsen für griechische Staatsanleihen steigen. Wer sind sie also, die zur Zeit beliebtesten Sündenböcke, insbesondere bei Regierungen, die ihre Finanzen nicht mal annähernd im Griff haben? Sie sind die Überbringer von schlechten Botschaften und als solche sind sie verhasst. Sie versuchen, die Welt so zu sehen wie sie ist und nicht so, wie sie finanzpolitisch verantwortungslose Regierungen gerne hätten. Sie sind umso verhasster, je weniger uns die Realität in den Kram passt. Aber sind wir nicht alle Spekulanten? Hand aufs Herz, wer hat letzte Woche nicht um den 35 Mio Lotto-Jackpot gespielt? Oder in den goldenen Börsenjahren nicht mit Aktien gehandelt? Und dabei immmer auf den grossen Gewinn spekuliert? Spekulation ist gefährlich, aber vor allem für den Spekulanten selbst, denn er spielt mit dem eigenen Geld, mal abgesehen von den Ausnahmekönnern, denen es gelungen ist, jemanden zu überreden, ihm Geld zu leihen. Auch wenn es die Mächtigen nicht gerne hören: Märkte sind sehr demokratisch. Es gibt tatsächlich Leute, die das, was ein Unternehmen oder ein Staat macht, nicht gut finden und sogar ihr Geld darauf verwetten, dass es schief geht. Dass diese Leute nicht sehr beliebt sind, versteht sich von selbst. Sie sind aber auch eine wunderbare Form der (Selbst-) Regulierung.

Nachtwaechter, 14.03.2010

Wer zockt hier ab?

Donnerstag, 11. März 2010

Die Volksabstimmung zum Umwandlungssatz vom vergangenen Wochenende sei ein Votum gegen die Abzockerei der Manager im Allgemeinen und der Versicherungen und Banken im Speziellen gewesen. Angesichts der Tatsache, dass die Versicherungen in der Schweiz nur knapp 20% des Pensionskassenvermögens verwalten, stellt sich die Frage, wer die Abzocker bei den Pensionskassen sind, die die restlichen 80% des Vermögens verwalten. Könnte es sein, dass die letztlich für die Aufsicht verantwortlichen Stiftungsräte ihre Aufsicht fahrlässig oder vorsätzlich nicht wahrnehmen? Apropos Aufsicht: die Eigentümer des angesparten Vermögens, also die Arbeitnehmer, kümmern sich grossmehrheitlich keinen Deut um die Belange ihrer Pensionskasse. Da erstaunt es dann auch nicht, wenn die Aufsichtsgremien mehrheitlich mit Sesselklebern von oft fragwürdiger Kompetenz besetzt sind. Und es verwundert auch nicht, dass Leute, die oft nicht mal den Namen ihrer Pensionskasse, geschweige ihren Arbeitnehmervertreter im Aufsichtsgremium kennen, bei der Beurteilung einer versicherungsmathematischen Fragestellung (die Höhe des Umwandlungssatzes) überfordert sind und auf Grund von emotionalen Inputs auf dem Niveau von “Rentenklau” und “Abzocker” entscheiden.

Nachtwaechter, 11.03.2010